Die Mitgliedschaft in der Deutschen Fachgesellschaft für Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (DFT) bietet Psychotherapeut:innen zahlreiche Vorteile. Die DFT setzt sich gezielt für alle psychodynamisch arbeitenden Kolleg:innen ein – sowohl im Erwachsenenbereich als auch in der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie.Als Fachverband vertreten wir die Interessen der Psychodynamiker:innen in der Berufspolitik, fördern die Sichtbarkeit psychodynamischer Verfahren und unterstützen ihre Weiterentwicklung.
Eine Mitgliedschaft in der DFT eröffnet approbierten Psychotherapeut:innen zahlreiche Möglichkeiten zur fachlichen Weiterentwicklung, berufspolitischen Vertretung und Vernetzung. Die DFT setzt sich gezielt für die Interessen von Psychodynamiker:innen ein und verschafft Ihrem Verfahren Sichtbarkeit im Gesundheitssystem. Ein zentrales Anliegen ist dabei die Stärkung der Ausbildung in psychodynamischer Psychotherapie. Durch klare Qualitätsstandards, kontinuierliche Weiterentwicklung und enge Vernetzung mit Ausbildungsinstituten trägt die DFT entscheidend dazu bei, dass Ausbildung und Weiterbildung auf einem hohen fachlichen Niveau stattfinden. Darüber hinaus erhalten Sie als Mitglied regelmäßig aktuelle Informationen zu wissenschaftlichen Entwicklungen, Fortbildungen und Weiterbildungsmöglichkeiten, sodass Sie stets auf dem neuesten Stand bleiben. Ein weiterer Vorteil sind die kostenfreien und vergünstigten Fachzeitschriften: Ordentliche Mitglieder bekommen die PDP – Psychodynamische Psychotherapie automatisch zugesandt. Zusätzlich wird die „Psychotherapie Aktuell” der DPtV vollzahlenden Mitgliedern kostenlos per Post zugeschickt. Darüber hinaus gibt es exklusive Rabatte, etwa für die Zeitschrift PTT – Persönlichkeitsstörungen: Theorie und Therapie.
Nicht zuletzt bietet die Mitgliedschaft Zugang zu einem starken fachlichen Netzwerk. Sie können sich mit Kolleg:innen austauschen, von deren Erfahrung profitieren und selbst Impulse in die Fachgemeinschaft einbringen.
Für staatlich anerkannte Ausbildungsstätten und ärztliche Weiterbildungsinstitute bietet die Mitgliedschaft in der DFT zahlreiche Vorteile. Jedes neue Institut bringt eigene Erfahrungen, Kompetenzen und Perspektiven ein und trägt damit zu einer lebendigen Weiterentwicklung der psychodynamischen Psychotherapie bei.
Als DFT-Institut sind Sie Teil eines starken Netzwerks, in dem sich aktuell mehr als 29 Institute regelmäßig austauschen. In gemeinsamen Treffen – meist online – diskutieren die Institute Fragen der Ausbildung, Weiterbildungsinhalte und aktuelle wissenschaftliche Entwicklungen. Zudem stimmen sie sich in berufspolitischen Anliegen ab und vertreten so gemeinsam die Interessen der psychodynamischen Verfahren im Gesundheitssystem.
Für Psychotherapeut:innen in Ausbildung (PiAs) und Psychotherapeut:innen in Weiterbildung (PiWs) bietet die Mitgliedschaft in der DFT wertvolle Unterstützung in einer entscheidenden Phase. Als Teil der DFT profitieren Sie von einem starken Netzwerk, in dem Sie frühzeitig Kontakte zu erfahrenen Psychotherapeut:innen, Supervisor:innen und Dozent:innen knüpfen können. Ein besonderes Angebot ist das regelmäßige PiA-Treffen, das alle paar Monate stattfindet. Hier haben PiAs die Möglichkeit, sich mit Kolleg:innen über Fragen und Herausforderungen der Ausbildung auszutauschen, Erfahrungen zu teilen und gegenseitige Unterstützung zu erhalten. So entsteht ein Raum für Vernetzung und fachliche Orientierung bereits während der Ausbildungszeit. Nicht zuletzt leisten PiAs und PiWs mit ihrer Mitgliedschaft einen aktiven Beitrag zur Stärkung der psychodynamischen Psychotherapie im Gesundheitssystem.
Ein Highlight ist der Deutsche Psychodynamikpreis, mit dem die DFT herausragende Leistungen und Innovationen im Bereich der Psychodynamik würdigt. Der Preis stärkt die Sichtbarkeit der psychodynamischen Arbeit in Fachkreisen und Öffentlichkeit.
Die DFT-Vorlesungen finden einmal monatlich, jeweils am ersten Mittwoch des Monats online statt und behandeln verschiedene spannende psychodynamische Themen & Konzepte.
Zahlende Mitglieder der DFT erhalten kostenlosen Zugang zu zwei Fachzeitschriften, der PDP – Psychodynamische Psychotherapie und der Psychotherapie Aktuell, mit aktuellen Beiträgen aus Forschung, Praxis und Berufspolitik.
Der Deutsche Psychodynamik‑Preis ist eine Auszeichnung der Deutschen Fachgesellschaft für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und psychodynamische Psychotherapie (DFT). Er würdigt herausragende Beiträge im Bereich der psychodynamischen Forschung und Öffentlichkeitswirkung – und zwar in insgesamt vier Kategorien.
Kategorien & Preisgelder:
Eine Mitgliedschaft bei der DFT steht allen offen, die sich für die psychodynamische Psychotherapie engagieren und ihre Weiterentwicklung unterstützen möchten.
Ordentliche Mitglieder können approbierte Psychotherapeut:innen (psychologische, ärztliche oder Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen) werden, die über eine anerkannte Fachkunde in tiefenpsychologisch fundierter oder analytischer Psychotherapie verfügen. Außerordentliche Mitglieder können PiAs (Psychotherapeut:innen in Ausbildung) und PiWs (Psychotherapeut:innen in Weiterbildung) werden, die die Arbeit der DFT unterstützen möchten, ohne die Voraussetzungen für eine ordentliche Mitgliedschaft zu erfüllen. Der Aufnahmeantrag ist unkompliziert: Sie senden einen formlosen Antrag oder nutzen das Antragsformular und fügen die erforderlichen Nachweise zu Ihrer Qualifikation bei. Nach Prüfung durch das Präsidium werden Sie offiziell in den Verband aufgenommen.
Beide Verfahren gehören zu den anerkannten Richtlinientherapien und basieren auf der psychodynamischen Theorie. Die Psychoanalyse ist hochfrequent (mehrere Sitzungen pro Woche, meist im Liegen) und auf eine umfassende Persönlichkeitsveränderung durch intensive Arbeit an frühen Beziehungsmustern angelegt. Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP) ist kürzer (1–2 Sitzungen pro Woche, meist im Sitzen) und fokussiert auf aktuelle Konflikte und deren Wurzeln in der Lebensgeschichte. Seit 2009 können in der TP auch strukturelle Störungen, Persönlichkeitsstörungen und Traumafolgen behandelt werden, allerdings mit begrenzter Zielsetzung: im Vordergrund stehen Symptomlinderung, Stabilisierung und die Verbesserung aktueller Beziehungs- und Selbstregulationsfähigkeiten, nicht eine vollständige “Umstrukturierung” der Persönlichkeit(sorganisation).
Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie findet in der Regel als Einzelgespräch oder im Rahmen einer Gruppentherapie statt. Eine Sitzung dauert meist 50 Minuten und erfolgt ein- bis zweimal pro Woche. Die Gesamtdauer der Behandlung variiert je nach Anliegen und kann zwischen drei Monaten und etwa zwei Jahren liegen.
In Deutschland sind derzeit vier psychotherapeutische Behandlungsverfahren sozial- und berufsrechtlich anerkannt und werden von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen:
Ja. Die psychodynamische Psychotherapie – in Deutschland offiziell als tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie bezeichnet – gehört zu den Richtlinienverfahren, die von den gesetzlichen Krankenkassen anerkannt sind. Das bedeutet: Wenn eine Behandlung medizinisch notwendig ist und von einer approbierten Psychotherapeut:in oder einem ärztlichen Psychotherapeut:in mit entsprechender Kassenzulassung durchgeführt wird, übernehmen die Krankenkassen die Kosten vollständig. Auch die privaten Krankenversicherungen erstatten die Kosten für psychodynamische Psychotherapie in den meisten Tarifen. Hier lohnt sich jedoch ein Blick in die individuellen Vertragsbedingungen, da der Leistungsumfang unterschiedlich geregelt sein kann.
Die “traumatisierende Übertragung” bezeichnet einen psychodynamischen Mechanismus, bei dem Patient:innen ihre traumatischen Beziehungserfahrungen und die damit verbundenen Affekte auf die therapeutische Beziehung übertragen bzw. dort unbewusst reinszenieren. Sie stellt ein spezifisches Übertragungsgeschehen im Kontext von Traumafolgestörungen dar und unterscheidet sich von der “klassischen Übertragung”, wie sie in der Psychodynamik sonst beschrieben wird. Besonders präsent bei der traumatischen Übertragung sind die bei den Therapeut:innen entstehenden Affekte, welche mit erlebter Gewalt-, Ohnmachts- und/oder Missbrauchserfahrungen verbunden sind. Die therapeutische Beziehung wird damit zur Bühne für die Reinszenierung von “Täter-Opfer-Dynamiken”.
Rosmarie Barwinski (2020) beschreibt dahingehend ein sehr eindrückliches Beispiel:
Ein Patient ruft seinen Therapeuten an und sagt am Telefon, dass er auf dem Balkon seiner Wohnung stehe und sich im nächsten Moment hinunterstürzen werde. Er sei in einem nicht mehr zu ertragenden Zustand von Verzweiflung und Angst, dem er nur noch durch einen Sprung in die Tiefe entkommen könne. Es ist leicht, sich vorzustellen, welche Gefühle und Gedanken diese Worte im Therapeuten auslösen, in welche Art von Gegenübertragung er unvermittelt hineingerät, welche Angst, welche Sorge, ja vielleicht welches Schuldgefühl ihn zu überschwemmen drohen und wie wenig Zeit ihm bleibt, die drohende Katastrophe, die der Patient glaubhaft ankündigt, zu verhindern.
Dem Therapeuten gelingt es, den Patienten von seinem Vorhaben abzubringen und ihn dazu zu bewegen in die Praxis zu kommen.
Der Patient sitzt jedoch nicht im Wartezimmer, als der Therapeut ihn in sein Behandlungszimmer bitten möchte. Im Therapeuten entsteht ein entsetzliches Gefühl von Panik und Ohnmacht – er befürchtet, der Patient habe sich in der Praxis suizidiert.
Kurz darauf entdeckt er den Patienten jedoch rauchend in der Küche.
Der Patient selbst war mit einer immer wieder akut suizidalen Mutter aufgewachsen und hatte oft, wenn er nach der Schule nach Hause kam, die panische Angst, seine Mutter könnte tot irgendwo im Haus liegen. Dieses traumatische Erlebnis hatte der Patient unbewusst reinszeniert, und der Therapeut hatte nun affektiv erfahren, wie sich der Patient in seiner Kindheit immer wieder gefühlt hatte.
Mittels der “traumatischen Übertragung” wird die gemeinsame Verarbeitung des Erlebten zugänglich und möglich.
Ja – Persönlichkeitsstörungen können mit der tiefenpsychologisch fundierten bzw. der psychodynamischen Psychotherapie behandelt werden.
Neben den „klassischen” psychodynamischen Techniken & Verfahren haben sich in den letzten Jahren spezialisierte psychodynamische Therapieansätze entwickelt, die besonders für die Behandlung von Persönlichkeitsstörungen geeignet sind:
Übertragungsfokussierte Psychotherapie (TFP): Die TFP ist ein manualisiertes, störungsspezifisches und wissenschaftlich gut belegtes Verfahren für die Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen und anderen Persönlichkeitsstörungen. Sie basiert auf der psychoanalytischen Objektbeziehungstheorie nach Otto F. Kernberg. Ziel ist die „Nachreifung” der Persönlichkeitsstruktur. Inzwischen gibt es auch Abwandlungen der TFP für die Behandlung von Kindern (TFP-K) und Jugendlichen (TFP-A) – dabei wird besonderer Fokus auch auf die Arbeit mit Bezugspersonen und dem sozialen Umfeld gelegt.
Mentalisierungsbasierte Psychotherapie (MBT): Die MBT ist ein wissenschaftlich gut untersuchtes, psychodynamisches Therapieverfahren, das ursprünglich für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen entwickelt wurde. Im Mittelpunkt steht die Förderung der Mentalisierungsfähigkeit – also die Kompetenz, eigene und fremde Gedanken, Gefühle und Absichten (besser) zu erkennen, zu verstehen und in einen Zusammenhang zu bringen. In einem klar strukturierten therapeutischen Rahmen werden Patient:innen darin unterstützt, ihre Gefühls- und Gedankenwelt klarer zu erfassen und die Perspektiven anderer einzubeziehen. Psychoanalytisch-interaktionelle Modelle (PIM): Die PIM-Methode ist ein psychodynamisches Verfahren, das psychoanalytische Grundlagen mit einem interaktionellen Ansatz verbindet. Sie findet insbesondere Anwendung bei strukturellen Störungen bzw. Persönlichkeitsstörungen sowie in akuten Krisensituationen. Im Fokus steht die therapeutische Beziehung im „Hier und Jetzt” – weniger der Blick in die Vergangenheit. Die Grundannahme lautet: Verfestigte Beziehungsmuster und unbewusste Konflikte zeigen sich direkt in den Interaktionen zwischen Patient:innen und Therapeut:innen und können dort gemeinsam reflektiert und verändert werden. Eine zentrale Technik ist das „Prinzip Antwort”: Therapeut:innen reagieren dabei nicht neutral-distanziert, sondern authentisch, transparent und situationsangemessen auf das Verhalten der Patient:innen. Dadurch werden eingefahrene Muster sichtbar gemacht und neue, korrigierende Beziehungserfahrungen möglich, die die Fähigkeit zur Selbst- und Beziehungsregulation nachhaltig stärken. Adolescent Identity Treatment (AIT): Das AIT ist ein psychodynamisches Verfahren, das eigens für Jugendliche mit Identitäts- und Persönlichkeitsstörungen entwickelt wurde. Es trägt den Besonderheiten dieser Altersgruppe Rechnung, insbesondere der zentralen Bedeutung von Eltern, Schule, Peergroup und den entwicklungsbedingt ausgeprägten Identitätskonflikten. Im Gegensatz zu klassischen psychoanalytischen Behandlungen weist das AIT spezifische Merkmale auf: Dazu gehören klare Therapievereinbarungen, der Fokus auf Affekte im „Hier und Jetzt”, die vorrangige Anwendung von Klärung statt Deutung, das bewusste Einbeziehen von (Gegen-)Übertragungsphänomenen sowie die Kombination mit behavioralen und pädagogischen Elementen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die intensive Elternarbeit und die Einbindung psychoedukativer Bausteine, die Jugendliche und ihre Familien gleichermaßen unterstützen. AIT ist ein integratives Verfahren, das u. a. modifizierte Elemente der Übertragungsfokussierten Psychotherapie (TFP), verhaltenstherapeutische Komponenten wie den „Homeplan” sowie strukturierende Behandlungsverträge und Psychoedukation kombiniert. Die Grundannahme ist, dass die Kernproblematik von Persönlichkeitsstörungen in einer gestörten Identitätsentwicklung und in Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen liegt. Ziel des AIT ist es, Blockaden zu lösen, die eine gesunde Identitätsentwicklung behindern. Langfristig soll ein stabileres Funktionsniveau erreicht werden – sichtbar etwa in tragfähigeren Beziehungen, klareren Zukunftsperspektiven, befriedigenderen Partnerschaften sowie einer verbesserten Impulskontrolle, Affektregulation und Frustrationstoleranz.
Die OPD-3 für Erwachsene und die OPD-KJ-2 für Kinder und Jugendliche unterscheiden jeweils sieben zentrale psychodynamische Konfliktthemen. Bei Erwachsenen kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Manche Menschen können eigene oder fremde Gefühle und Bedürfnisse kaum wahrnehmen, weil ihre starke intrapsychische Abwehr dies verhindert. Dieser Zustand wird als fehlende Konflikt- und Gefühlswahrnehmung (K0) beschrieben. Jeder dieser Konflikte kann entweder in einem aktiven oder in einem passiven Modus verarbeitet und entsprechend in der OPD kodiert werden.
Der passive Modus ist gekennzeichnet durch eine regressive Bewältigung, die vor allem von Anpassung, aber auch von resignativem Hinnehmen geprägt ist. Im aktiven Modus hingegen überwiegt die sogenannte kontraphobische Abwehr, die sich eher in einer progressiven Form der Verarbeitung ausdrückt.
Mit der psychischen Struktur oder dem Strukturniveau wird die grundlegende Fähigkeit einer Person beschrieben, mit sich selbst, mit Beziehungen und mit anderen Menschen differenziert umzugehen. Es handelt sich also nicht um die Inhalte von Gedanken oder Gefühlen, sondern um die Voraussetzungen, die ein stabiles Erleben, Handeln und Beziehungsleben ermöglichen.Ist die psychische Struktur beeinträchtigt, kann dies die Entstehung sogenannter struktureller Störungen begünstigen, die bei vielen psychischen Erkrankungen – insbesondere bei Persönlichkeitsstörungen – eine zentrale Rolle spielen. Umgekehrt stellt eine gut integrierte Struktur einen wichtigen Schutzfaktor für die psychische Gesundheit dar. Dabei ist wichtig zu beachten, dass das sich das Strukturniveau als Kontinuum verstehen lässt – von gut integrierter bis gering integriertet Struktur. Literatur-Tipp: OPD-3 – Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik: Das Manual für Diagnostik und Therapieplanung
Die Ich-Grenze beschreibt die Fähigkeit, klar zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu unterscheiden – also zwischen innerer Realität (Gedanken, Gefühle) und äußerer Wirklichkeit (andere Menschen, Umweltreize). Bei intakten Ich-Grenzen erleben Menschen deutlich, was zu ihnen gehört und was nicht.
Sind die Ich-Grenzen gestört, verschwimmt diese Unterscheidung. Betroffene erleben eigene Gedanken oder Gefühle plötzlich als fremd oder nehmen äußere Einflüsse nicht mehr als solche wahr. Typische Beispiele sind die Gedankenentfremdung („meine Gedanken werden von außen eingegeben”) oder die Gefühlsentfremdung („meine Gefühle werden von anderen manipuliert”). Eine anschauliche Metapher lautet: „Ich fühle mich wie ein Haus, in das jeder hineingehen und etwas mitnehmen oder hinterlassen kann.”
Besonders deutlich wird die Störung der Ich-Grenzen bei psychotischen Erkrankungen. Betroffene hören etwa Stimmen, die sie als „von außen” kommend erleben, obwohl diese keine reale Quelle haben. Auch magisches Denken kann dahingehend von Bedeutung sein: Alltagsgegenstände werden in irrationalen Zusammenhang mit kosmischen Ereignissen gebracht. Ebenso können Menschen das Gefühl entwickeln, für den Erhalt der Welt verantwortlich zu sein („Ich habe einen Auftrag”). Die Wahrnehmung der Realität an sich bleibt bestehen, doch die Bedeutungszuschreibung ist verzerrt.
Auch bei paranoiden Entwicklungen zeigen sich schwache Ich-Grenzen. So werden alltägliche Konflikte als existenziell bedrohliche Verfolgung erlebt. Aggressive Gefühle können nicht integriert, sondern nur anderen zugeschrieben werden. Entscheidend ist hier, dass es nicht allein um Projektion oder Aggression geht, sondern um die dahinterliegende tiefe Vernichtungsangst: die Angst, in der Auseinandersetzung das eigene Ich zu verlieren. Diese existentielle Bedrohung der Ich-Grenzen macht den paranoiden Kern der Symptomatik aus.
In der Psychodynamik bezeichnet man als Ich-Funktionen die grundlegenden psychischen Fähigkeiten, mit denen ein Mensch seine innere und äußere Realität verarbeitet. Dazu gehören basale Prozesse wie Wahrnehmen, Denken, Fühlen und Handeln, aber auch komplexere Leistungen wie Selbstwahrnehmung, Realitätsprüfung, Empathiefähigkeit oder Selbstwertregulation.
Entscheidend ist dabei, wie gut integriert diese Funktionen sind. Bei einem gut integrierten Strukturniveau können Menschen ihre Gefühle, Gedanken und Handlungen flexibel steuern, behalten ein kohärentes Selbstbild und sind fähig, tragfähige Beziehungen zu gestalten. Bei einem gering integrierten Strukturniveau fällt es dagegen schwerer, die Ich-Funktionen sinnvoll aufeinander zu beziehen. Das kann zu Brüchen in der Selbst- und Fremdwahrnehmung führen und die Beziehungsgestaltung erschweren.
Die Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD-3) beschreibt Ich-Funktionen in fünf Dimensionen:
Ein zentrales Merkmal psychodynamischer Konzepte und Therapien ist die Beziehungsorientierung.In der Beziehung mit ihren Therapeut:innen kommt es zu einer Spiegelung der gewohnten Muster im Denken, Fühlen und Handeln der Patient:innen. Gleichzeitig eröffnet sich die Möglichkeit einer neuen Beziehungserfahrung, die bestehende innere Muster verändern und erweitern kann. Übertragung bezeichnet in diesem Kontext die Aktualisierung innerer Objektbeziehungen im Hier und Jetzt. Damit ist gemeint, dass frühere Beziehungen und deren innere Abbilder in die therapeutische Situation hineingetragen werden und sowohl die Interaktion mit dem:der Therapeut:in als auch das gesamte therapeutische Setting prägen.Übertragung wird heute meist weniger im klassischen Sinne als Wiederholung vergangener Erfahrungen verstanden, sondern vielmehr als gegenwärtige, unbewusste Inszenierung innerer Beziehungsmuster. Damit knüpft der Begriff an objektbeziehungstheoretische Überlegungen an: In der therapeutischen Beziehung treten Teile der inneren Welt der Patient:innen in Erscheinung.Abhängig vom Strukturniveau können dies Ganzobjektübertragungen sein (der:die Therapeut:in wird als „ganze“ Person erlebt) oder Teilobjektübertragungen, die häufig bei strukturell stärker beeinträchtigten Patient:innen dominieren. Hier erlebt der:die Patient:in den:die Therapeut:in eher in fragmentierten Rollenanteilen (z. B. nur als streng kontrollierende Seite – fürsorgliches und freundliches Verhalten des:der Therapeut:in bleibt aufgrund der Spaltung unzugänglich), während andere Facetten derselben Person ausgeblendet werden.
Unter der „Gegenübertragung” versteht man die emotionale und auch körperliche Reaktion der Psychotherapeut:innen auf die Übertragung der Patient:innen. Diese enthält Aspekte, die wichtig sein können, für das Verständnis der inneren Welt der Patient:innen.
Damit bietet die Gegenübertragung einen Zugang zu den unbewussten Beziehungsmustern von Patient:innen und kann – wenn sie reflektiert wird – ein wichtiges diagnostisches und therapeutisches Instrument sein.
Davon zu unterscheiden ist die sogenannte Eigenübertragung – diese beruht auf den eigenen früheren Beziehungserfahrungen und der aktuellen Lebenssitiation der Psychotherapeut:innen.
Es wird bei der Gegenübertragung zwischen zwei Grundformen unterschieden:
In der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD-3) wird zwischen sogenannten Kernaffekten und Leitaffekten unterschieden.
Kernaffekte sind abgewehrte, meist unbewusste Gefühlszustände. Sie sind oft sehr schmerzhaft und darum schwer erträglich und werden deshalb vom Bewusstsein ferngehalten. Solche Kernaffekte entstehen in der Regel bereits in der Entwicklung und sind häufig mit grundlegenden Motivationssystemen wie dem Bedürfnis nach Bindung oder Autonomie verknüpft. Das psychische System schützt sich, indem es diese intensiven Affekte vom bewussten Erleben fern hält.
Leitaffekte dagegen sind die Gefühle, die im jeweiligen Konfliktmodus bewusst erlebt werden. Sie sind meist das Ergebnis von Abwehrprozessen und übernehmen selbst eine Abwehrfunktion, indem sie den eigentlichen Kernaffekt überdecken. Leitaffekte treten häufig auf und prägen das bewusst wahrgenommene emotionale Erleben.
Beispiel: Kern- und Leitaffekte bei einem Erwachsenen
Herr M., 42 Jahre alt, arbeitet in einem Team, in dem die Vorgesetzte sehr klare Anweisungen gibt.
Kernaffekt: In ihm wird ein tiefes Gefühl von Hilflosigkeit aktiviert – die unbewusste Angst, ausgeliefert zu sein und keine Kontrolle über die Situation zu haben. Diese Erfahrung ist schwer erträglich und wird innerlich abgewehrt.
Leitaffekt: Statt dieses Hilflosigkeitsgefühl bewusst zu erleben, zeigt sich nach außen Wut und Trotz. Er reagiert gereizt, kritisiert die Vorgesetzte vor Kolleg:innen oder verweigert kleine Aufgaben. Seine Ärgerreaktion ist für ihn bewusster zugänglich als die zugrunde liegende Hilflosigkeit.
In der Therapie könnte Herr M. zunächst vor allem über seine Wut berichten – das entspricht dem Leitaffekt. Im weiteren Verlauf wird jedoch deutlich, dass hinter diesem Ärger ein schwer erträgliches Gefühl von Hilflosigkeit liegt – der eigentliche Kernaffekt, der vermutlich auch in einem biografischen Zusammenhang steht.
Die psychodynamische Behandlung wird auch bei Kindern angewendet, erfordert jedoch spezifische Anpassungen. Entwicklungsalter, stärkere Regressionsbereitschaft und eine geringere Ich-Stabilität machen kindliche Übertragungen besonders. Während Übertragung allgemein als Wiederholung früherer Beziehungsmuster verstanden wird, sind bei Kindern die primären Bezugspersonen oft noch real präsent. Dadurch beziehen sich ihre Übertragungen häufiger auf aktuelle Beziehungskonflikte. In der Anfangsphase einer Therapie zeigen Kinder meist Reaktionen wie Misstrauen, Ängstlichkeit oder Anpassung. Diese gewohnheitsmäßigen Muster sind zunächst nicht als Übertragung zu werten, sondern als etablierte Strategien im Umgang mit Erwachsenen.
Typisch für die kindliche Therapie ist das aktive „Nachspielen” familiärer Konflikte. Kinder übertragen reale Beziehungserfahrungen in die therapeutische Situation, indem sie versuchen, Kontrolle zu gewinnen – etwa durch die Manipulation von Spielregeln oder das Dominieren von Therapeut:innen in Spielszenen.
Eine klassische Übertragung im engeren Sinn erfordert hingegen die Aktivierung verdrängter innerer Konflikte und eine Fixierung in der Entwicklung, beispielsweise in Ablösungs- oder ödipalen Phasen. Ob Kinder eine vollständige Übertragungsneurose entwickeln können, bleibt strittig. Einigkeit besteht jedoch darin, dass Kinder eine spontane Übertragungsbereitschaft zeigen und sowohl positive als auch negative Übertragungen möglich sind. Anzeichen einer übertragungsneurotischen Dynamik können sich in regressivem oder provokativem Verhalten äußern, das zunehmend die Therapiesituation prägt, sowie in einer wachsenden emotionalen Besetzung der Beziehung zu den Therapeut:innen.
Bei Jugendlichen gestaltet sich die Entwicklung von Übertragungsprozessen anders als bei Kindern oder Erwachsenen. Die starke Bindung an die Eltern, der Ablösungsprozess von primären Bezugspersonen und die Konzentration auf die eigene Selbstinszenierung, körperliche Veränderungen und gegenwartsbezogenes Erleben erschweren die Ausbildung einer klassischen Übertragungsneurose.
Therapeut:innen werden häufig weniger als Übertragungsfiguren, sondern stärker als reale Bezugspersonen wahrgenommen. Charakteristisch für jugendliche Übertragungen ist ihre Instabilität: Idealisierungen können schnell in Entwertungen umschlagen. Darin zeigt sich der innere entwicklungstypische Konflikt zwischen Autonomiebestrebungen und unbewältigter Abhängigkeit.
Jugendliche entwickeln oft Übertragungswiderstände, die verhindern sollen, dass frühere abhängige Beziehungserfahrungen oder ödipale Wünsche reaktiviert werden. Aggressionen gegenüber Therapeut:innen können Ausdruck dieses Abwehrprozesses sein. Therapeut:innen werden dabei mitunter als bedrohlich erlebt, da sie die fragile Autonomie gefährden könnten.
Auch Verliebtheitsreaktionen treten in der Adoleszenz häufig auf. Sie erscheinen auf bewusster Ebene wie eine reale Zuneigung, enthalten jedoch unbewusste Anteile früherer Beziehungskonflikte. Gerade diese Dynamik kann für die therapeutische Arbeit wertvoll sein, da sie einen Zugang zu frühen Übertragungsinhalten eröffnet und wichtige Einsichten in die innere Konfliktlage Jugendlicher ermöglicht.